
Grenzen, Flucht und Neuanfang – Zehnte Klassen der JGS besuchen den Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen
Gleich nach Schuljahresbeginn unternahmen jetzt die beiden Gymnasialklassen 10a und 10b der Johannes-Gutenberg-Schule zusammen mit ihren Lehrern Bastian Bretfeld, Tom Brück und Lutz Schäfer eine Exkursion zum Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen. Der historische Ort, an dem über Jahrzehnte hinweg Menschen nach ihrer Flucht ankamen und auf einen Neuanfang hofften, bot den Schülerinnen und Schülern einen eindrucksvollen Zugang zu einem Thema, das Geschichte und Gegenwart miteinander verbindet. Nach dem offiziellen Ende der Nutzung als Aufnahmelager im Jahr 2018 wurde der Lern- und Erinnerungsort bewusst am Jahrestag des Volksaufstands in der DDR von 1953 am 17. Juni 2025 als neue Gedenk- und Bildungsstätte eröffnet.
Zu Beginn des Besuchs erhielten die Klassen eine Führung durch die Dauerausstellung. Diese erzählt anhand persönlicher Lebensgeschichten, Fotografien, Dokumente und multimedialer Stationen von Flucht, Ankunft und Neubeginn. Dabei wurde deutlich, dass das ehemalige Notaufnahmelager Gießen ein bedeutender Ort der deutschen Nachkriegsgeschichte war und insbesondere während der deutschen Teilung für viele Menschen aus der DDR das „Tor zur Freiheit“ darstellte. Die Ausstellung verbindet individuelle Schicksale mit den großen historischen Entwicklungen und lädt explizit dazu ein, über die Erfahrungen von Geflüchteten und ihre Aufnahme in die Gesellschaft nachzudenken.
In einem anschließenden Workshop setzten sich die Schülerinnen und Schüler aktiv mit unterschiedlichen Fluchtbewegungen seit 1945 auseinander. Gemeinsam wurde erarbeitet, aus welchen Gründen Menschen ihre Heimat verlassen mussten, welche Grenzen sie überwinden mussten und wie sich Fluchterfahrungen in verschiedenen historischen Situationen unterschieden und zugleich ähnelten.
Thematisiert wurden unter anderem die Flucht und Vertreibung von Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg, die Flucht aus der DDR während der deutschen Teilung sowie die Folgen der Kriege im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren. Darüber hinaus beschäftigten sich die Jugendlichen mit den Fluchtbewegungen der letzten zwei Jahrzehnte. Die Bildungsangebote des Lern- und Erinnerungsortes greifen bewusst historische und aktuelle Migrationsbewegungen auf und regen dazu an, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu reflektieren.
Besonders eindrucksvoll war für viele Schülerinnen und Schüler die Erkenntnis, dass hinter historischen Ereignissen auch immer persönliche Lebensgeschichten stehen. Die Auseinandersetzung mit einzelnen Biografien machte deutlich, welche schwierigen Entscheidungen Menschen auf der Flucht treffen mussten und welche Herausforderungen sie nach ihrer Ankunft erwarteten.
Der Besuch ergänzte den Geschichtsunterricht auf anschauliche Weise und bot zugleich Raum für Diskussionen über aktuelle gesellschaftliche Fragen. Die Schülerinnen und Schüler nahmen zahlreiche neue Eindrücke mit und konnten historische Fluchtbewegungen besser in Beziehung zu heutigen Entwicklungen setzen.
„Die Exkursion zeigte eindrucksvoll, wie ein historischer Erinnerungsort dazu beitragen kann, Vergangenheit zu verstehen und gleichzeitig den Blick für die Herausforderungen der Gegenwart zu schärfen“, so Geschichtslehrer und Organisator Tom Brück nach dem gelungenen Besuch eines beeindruckenden außerschulischen Lernortes.




